20 Jahre Bologna-Reform: Zeit für eine Bilanz

Orientierungsberater Andreas Peez

Im Jahre 1999, also vor genau 20 Jahren, unterzeichneten Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern eine Erklärung zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens und zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums. Und da diese Erklärung an der Universität Bologna unterzeichnet wurde, die damals gerade ihr 900-jährigens Bestehen feierte, spricht man bis heute vom Bologna-Prozess. Dieser sollte bis 2010 in allen beteiligten Ländern abgeschlossen sein und äußerte sich in Deutschland am sichtbarsten durch die (weitgehende) Abschaffung von Diplom und Magister sowie die Einführung eines zweistufigen Systems aus Bachelor und Master. 2019 ist es also Zeit für eine Bilanz: Hält die Reform, was sie einst versprach?

Orientierungsberater Andreas Peez aus München erinnert sich an den damaligen Umstellungsprozess: „Es gab massive Widerstände aus der deutschen Hochschullandschaft, und manche Universitäten verzögerten die anstehenden Änderungen bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Heute jedoch denke ich, dass der Prozess weitgehend abgeschlossen und mittlerweile auch unumkehrbar ist – die heutige Studentengeneration denkt in Bachelor und Master und vermisst kein System, das sie selbst nie kennen gelernt hat.“

Und dennoch ist das Bild sehr gemischt. Denn eines der wesentlichen Ziele der Bologna-Reform war die Erhöhung der studentischen Mobilität, durch die Vereinheitlichung und bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse. Doch der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) weiß, dass vor und nach der Reform der Anteil der Studierenden, die ins Ausland gehen, konstant bei ca. 30 % lag und liegt. Und bei einem Drittel der Studierenden kommt es immer noch zu Problemen mit der Anerkennung, wenn sie sich an einer ausländischen Hochschule bewerben.

Bologna sollte auch durch die Einführung des ersten berufsqualifizierenden Bachelor-Abschlusses die Studienzeiten insgesamt verkürzen und die Quote der Studienabbrecher reduzieren. Auch hier belegen Zahlen des Bundesamtes für Statistik jedoch: Ziel verfehlt. Heute brauchen Studierende sogar zwei Semester länger als vor der Reform zur Beendigung ihres Studiums, und der Anteil der Abbrecher bewegt sich anhaltend bei knapp 30 Prozent. Der Bachelor-Abschluss wird darüber hinaus allgemein offenbar weiterhin nicht als berufsqualifizierend wahrgenommen: Wieso sonst entscheiden sich ca. 80 Prozent aller Bachelor-Absolventen dafür, einen Master daraufzusetzen, wie das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) vorrechnet?

Hatten die Kritiker damals also Recht? Ist Bologna ein Flop? Orientierungsberater Andreas Peez meint hierzu: „Die Zahlen wirken tatsächlich ernüchternd. Und auch ich sehe in meiner täglichen Beratungspraxis, dass längst nicht alles gut ist. Ich bin mir jedoch andererseits nicht sicher, ob der direkte Vorher-Nachher-Vergleich fair ist.“ Denn, so Andreas Peez aus München, es studieren heute eben auch viel mehr junge Menschen an den deutschen Hochschulen als vor 20 Jahren. Und es studieren heute vor allem auch viele Personen, die vor 20 Jahren eine Berufsausbildung absolviert hätten. Es gibt also viel mehr Studierende, die aus keinem akademischen Haushalt stammen und  als so genannte Bildungsaufsteiger oft unter erschwerten Bedingungen studieren – auch dies kann eine zusätzliche Erklärung sein, warum die Studiendauer und die Abbrecherquoten nicht wie erhofft sinken.

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