Alle Plätze besetzt? – Wie sich die Akademisierung auf das Klima an deutschen Unis auswirkt

Orientierungsberater Andreas Peez

Sandra S. aus Thüringen hatte sich so gefreut: Als sie sich nach dem Abitur an unterschiedlichen Universitäten für ein Jurastudium bewarb, hoffte sie, in einer großen Stadt zu landen – schließlich war sie in einer eher ländlichen Gegend aufgewachsen. Dann die Zusage aus Köln: Sandra konnte ihr Glück kaum fassen! Doch ein Jahr später sieht sie die Angelegenheit deutlich differenzierter: „Köln gefällt mir nach wie vor gut“, sagt sie. „Aber ich habe unterschätzt, wie groß die Uni ist. Manchmal würde ich mir einen persönlicheren Austausch mit den Dozenten und Kommilitonen wünschen.“ Denn, da ist sich Sandra ziemlich sicher, ihre Professoren haben keine Ahnung, wer sie ist. Und auch Freundschaften zu schließen, empfindet sie als schwierig, wenn mit ihr fast 400 fremde Studierende in einer Vorlesung sitzen.

Orientierungsberater Andreas Peez aus München hört in seiner täglichen Beratungspraxis zunehmend Klagen von Studierenden, die mit der wachsenden Anonymität an den Hochschulen kämpfen. Diese Anonymität ist eine unmittelbare Folge der zunehmenden Akademisierung der deutschen Ausbildung: Wenn sich immer mehr junge Menschen für ein Studium entscheiden, müssen sich immer mehr Dozenten um immer größere Gruppen von Studierenden kümmern. „Auch Raumnot ist ein Problem an vielen Hochschulen“, ergänzt Andreas Peez. Auch wenn Personal und Flächen aufgestockt werden – das deutsche Hochschulsystem leidet unter Wachstumsschmerzen.

Die Betreuungsrelation, die angibt, um wie viele Studierende sich ein hauptamtlich Lehrender durchschnittlich kümmern muss, liegt in Deutschland bei 66:1 – ein europaweit ohnehin mauer Wert. Die Wahrheit jedoch ist, dass in gewissen Studiengängen und Bundesländern viel höhere Betreuungsrelationen an der Tagesordnung sind, vor allem, wenn sich im jeweiligen Fach relativ preiswert zusätzliche Studierendenkapazitäten unterbringen lassen. So kümmern sich in Sandras Fakultät die Professoren um jeweils über 150 Studierende.

Orientierungsberater Andreas Peez rät jungen Schulabgängern daher, gründlich über die Wahl des Studienortes nachzudenken: „Es ist völlig nachvollziehbar, dass man nach dem Abitur gerne drei oder vier Jahre in einer aufregenden Stadt verbringen möchte. Das Problem ist nur, dass das fast jeder will – viele stürzen sich auf die gleichen Studienplätze in den gleichen Städten.“ Neben nachlassender Betreuung und zunehmender Anonymität führt dies zu immer strengeren Zulassungskriterien sowie fehlenden und kaum bezahlbaren Wohnmöglichkeiten.“ Andreas Peez rät daher dazu, vor allem in Massenfächern wie BWL und Jura auch Studienorte ins Auge zu fassen, die zunächst nicht naheliegend erscheinen. Ein Wochenendtrip dorthin kann Klarheit verschaffen, ob man es sich nicht doch vorstellen könnte, ein paar Jahre dort zu verbringen.

Sandra S. jedenfalls hat kürzlich eine ehemalige Schulfreundin besucht, die ebenfalls Jura studiert, allerdings in Passau. Seitdem überlegt sie sich, ob sie nicht in diese doch erheblich beschaulichere Stadt und Universität wechseln soll.

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