Der Wert der Bildung für die zukünftige Gesellschaft

Neugier, Kreativität und Teamgeist sind Schlüsselkompetenzen in einer immer komplexeren Arbeitswelt

Schulen und Universitäten fördern jedoch statt der Persönlichkeit meist eine eindimensionale Ausbildung zum Sachbearbeiter, ist Richard David Precht überzeugt. Basierend auf seinem jüngsten Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ beschäftigt sich der Philosoph, Publizist und Fernsehmoderator in einem Keynote-Vortrag auf der Messe Zukunft Personal damit, welchen Wert Bildung für die künftige Lebens- und Arbeitswelt hat und wie Lernen besser gelingen könnte.

„Dass wir den Unterricht so schematisieren als wäre die Welt ein Apothekerschrank, in dem es lauter Fächer gibt, ist dem vernetzten Denken nicht zuträglich“, kritisiert Richard David Precht das aktuelle Schulsystem. Genau das Gegenteil sei notwendig. Denn alle großen Innovationen der Menschheit seien dadurch entstanden, dass jemand erstmals Dinge miteinander in Verbindung brachte, die scheinbar nichts miteinander zu tun hätten. Projektarbeiten und individuelles Lernen empfiehlt der Philosoph deshalb ab dem sechsten Schuljahr.

„Mathe und Physik lernt man zum Beispiel am besten am Computer – ohne störende Klassenkameraden, die nicht mehr folgen können, auf die der Lehrer aber Rücksicht nehmen muss“, so Precht. Bereits heute sei hochintelligente Lernsoftware auf dem Markt, beispielsweise entwickelt von der Khan Academy und von amerikanischen Elite-Unis wie dem MIT oder Harvard.

Können statt Wissen fördern

„Wichtig ist, was junge Menschen können, wenn sie aus der Schule kommen – und vor allen Dingen, was sie langfristig aus ihrer Schulzeit mitnehmen“, betont der Buchautor. Das reine Wissen verliere an Bedeutung. Es gebe zwar elementare Kompetenzen, die jeder erlernen müsse. Schulabgänger sollten sich laut Precht beispielsweise mündlich und schriftlich so gut wie möglich ausdrücken können, Grundlagen der Mathematik beherrschen, ein historisches Bewusstsein entwickeln und über Politik und Wirtschaft informiert sein. Auch künstlerische und sportliche Fähigkeiten gelte es zu fördern.

Die Frage, ob Heranwachsende vorrangig für sich selbst lernen sollten oder gezielt für die Arbeitswelt ausgebildet werden müssten, findet der Philosoph nicht mehr zeitgemäß. „Eine klare Trennung zwischen der Arbeitswelt und sonstigen Lebensbereichen ist heute erstens nicht mehr möglich und zweitens von vielen Menschen gar nicht mehr gewünscht.“

Sich beim Lehrplan auf Prognosen für die Arbeitswelt zu verlassen, beurteilt Precht ebenso mit Skepsis. Es ließen sich nur schwerlich Schulsysteme maßgerecht für die Arbeitswelt schneidern, denn wenn Schüler dann ihren Abschluss machten, seien die Vorhersagen womöglich längst überholt. „Wir sollten die Fähigkeiten in den MINT-Fächern grundsätzlich verbessern. Das schaffen wir aber nur, wenn dies nicht von allen Schülern erwartet wird.“

Führungskompetenzen entwickeln: Persönlichkeit statt Fleiß

Ein Manko der Schulausbildung sei derzeit die Vorbereitung junger Menschen auf eine Führungslaufbahn. „Top-Manager sind fast alle fehlausgebildet. Die meisten haben eine Elite-Uni besucht, eine Zusatzqualifikation erworben und noch dieses oder jenes Zertifikat.“ Das sei nur mit viel Fleiß zu schaffen und dabei bleibe die Zeit zur Persönlichkeitsreifung auf der Strecke. „Deswegen müssen wir die Stoffmenge dramatisch reduzieren.“

Heranwachsende sollten lernen, sich gut auszudrücken, vor allen Dingen mündlich. „Freie Vorträge halten, auf Leute wirken durch die Kunst der Rede, Leute überzeugen – das sind Dinge, die kommen in der Schule nur am Rande vor, weil sie Mündliches schlechter objektiv bewerten können als schriftliche Leistungen.“ Zudem fehle bislang im Schulstoff das Thema, wie man Entscheidungen treffe und gut mit Menschen umgehe.

Lieber „krumpelig“ studieren als sich durchwurschteln

Dass duale Ausbildung und Hochschulstudium im Zuge des Bologna-Prozesses heute stark verschult sind, sei eine Fehlentwicklung. Ursprünglich habe dies zwar die Wirtschaft mehrheitlich unterstützt, denke nun aber um.

„Die meisten Top-Manager, mit denen ich zusammenkomme, nehmen lieber in Kauf, dass jemand ein bisschen krumpelig studiert hat und zwei Jahre älter ist als gewünscht, aber immerhin halbwegs eine Persönlichkeit.“ Denn jetzt strömten Leute in die Betriebe, die vor allen Dingen eins gelernt hätten: wie sie sich am geschicktesten durchwurschteln. „An unseren Schulen wird in erster Linie konformistisches Verhalten belohnt.“

In seinem Keynote-Vortrag auf der Messe Zukunft Personal führt Precht detailliert aus, worauf es heute sattdessen beim Thema Bildung ankommt. Auf Basis von historischen Überlegungen und Kenntnissen aus Entwicklungspsychologie und Hirnforschung zeigt er, welche Art Bildung die Anforderungen der zukünftigen Lebens- und Arbeitswelt verlangen.

Über Richard David Precht

Der Philosoph, Publizist, Fernsehmoderator und Bestsellerautor Prof. Dr. Richard David Precht wurde am 8. Dezember 1964 in Solingen geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln, wo er 1994 in Germanistik promovierte. Precht schreibt heute unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, DIE ZEIT und den SPIEGEL und moderiert die ZDF-Philosophiesendung „Precht“. Seit Mai 2011 ist er Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, seit Oktober 2012 zudem Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Der gebürtige Solinger veröffentlichte bislang sieben Bücher. Sein jüngstes Werk „Anna, die Schule und der liebe Gott” erschien im April 2013 im Goldmann Verlag.

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7 Gedanken zu „Der Wert der Bildung für die zukünftige Gesellschaft

  1. ENDLICH ein Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft! Ich stimme dem Autor 100%ig zu, wenn er verlangt, dass SchülerInnen bisoziativ denken lernen müssen und Kompetenzen erwerben sollen. Vorrangig ist sicherlich die Persönlichkeitsbildung und die Kommunikationsfähigkeit des Einzelnen. Seit 10 Jahren arbeite ich schon nach diesen Kriterien in der Volksschule( Deutschland: Grundschule) und sehe starke Persönlichkeiten sich entwickeln. Bisher war ich immer eine Einzelkämpferin, weil der Zusammenhang zwischen Gehirnforschung und Lernen einfach nicht verstanden werden wollte und deshalb begrüße ich sehr, dass es darüber eine öffentliche Diskussion und Auseinandersetzung gibt. Die Gesellschaft kann es sich in Zukunft nicht leisten,junge Menschen auf der Strecke bleiben zu lassen.

  2. Yes! Großartiger Artikel!

    Die Wirtschaft merkt mehr und mehr, dass die “Facharbeiter” nicht die sind die sie brauchen. Daher werden die, die sich frühzeitig mit der bewussten Entwicklung ihrer Persönlichkeit beschäftigen die “Gewinner” von morgen sein.

    „An unseren Schulen wird in erster Linie konformistisches Verhalten belohnt.“ – bitter aber wahr.

    Also – los geht´s und ändern wir was!

    Cheers!

    Ben Paul

  3. Hm…nichts anderes wird heute an den meisten Schulen der Sek I getan. Aber bringen Sie mal Schülern grundlegendes Wissen über historische Zusammenhänge bei. Wenn man versucht, Gegenwart und Vergangeheit zu verknüpfen, um vielleicht an die Zukunft zu denken, dann erreicht man bei Haupt- und Realschülern häufig nur ein gesteigertes Desinteresse. Diskutieren? Müssen wir???
    Was ist passiert? Wir haben in unserer Jugend über Gott und die Welt diskutiert (ich bin 44, also noch nicht steinalt…), war das doch besser als langweiliges Zuhören. Schüler können diskutieren. Nehmen Sie ihnen das Handy weg (überflüssige Maßnahme) oder erklären Sie ihnen, dass beispielsweise zum Erlernen von mathematischen Grundlagen ein gewisses Maß an Übung gehört, so kann das zu bisweilen sehr anregenden Diskussionen kommen. Nur lässt sich dieser Elan nicht auf Dinge übertragen, die außerhalb eines oft sehr begrenzten Horizonts liegen. Und das ist beispielswiese das Wissen, wer hier im Lande unsere Geschicke lenkt. Angelo Merte?
    Manchmal möchte man sie schütteln, um überhaupt ein Interesse außerhalb von Facebook oder Party zu wecken. Was bin ich froh, dass wir ohne Internet großgeworden sind und uns heute an dem ungeheuren Vorrat an Wissen erfreuen dürfen. Mahnende Worte über den kritischen Umgang mit Informationen aus dem Internet erscheinen aber wie der Versuch, einem chinesischen Bauern die Vorzüge der gehobenen französichen Küche anzupreisen. Der wird freundlich nicken und sich fragen, was zur Hölle man von ihm will.

    Aber immerhin bin ich mit dem guten Herrn Precht einig, dass Schule sich grundlegend verändern muss. Es gab vor einiger Zeit eine Umfrage dreier Schülerinnen aus Berlin, die sich um die Qualität der schulischen Ausbildung sorgten. Die Fragen dieser Umfrage drehten sich um Schulessen (meist grauenvoll, keine Frage), ob sie gern zur Schule gehen oder ob sie sich ernst genommen fühlen. Alles wichtige Fragen, aber keine einzige zielte auf die Kernfrage: Was ist euch wichtig an Schule? Was müsste man lernen? Einmal abgesehen davon, dass man als Schüler häufig nicht die Bedeutung bestimmter Wissensgebiete abschätzen kann. Wir hoffen auf intrinsische Motivation, aber selbst eine außerordentlich praxisnahe Auswahl an Beispielen führt nicht dazu, dass das Gros der Schüler gern Mathematik lernt.

  4. Schon 2002 stellte der Leiter PERSONAL bei MERCEDES-BENZ fest:
    “Am Ende werden wir nicht mit Wissen gewinnen, sondern mit Persönlichkeiten.” (DER SPIEGEL 26/2002)

  5. Die seit einigen Jahren in vielen Bundesländern geltenden Lehrpläne arbeiten nicht input- sondern outputorientiert und stellen nicht Wissen, sondern Kompetenzen in den Vordergrund. Und Diskussions- und Präsentationsfähigkeiten werden mittlerweile in vielen Fächern hinreichend geschult, ebenso spielen Rollenspiele und Diskussionen (mit dem Ziel der Perspektivübernahme und/oder Verteidigung eigener Meinungen und Werturteile) eine große Rolle. Ich kann die Kritik Prechts darum nur teilweise nachvollziehen – sie erscheint mir sehr subjektiv und nicht anhand von Studien validiert.

  6. Die Gedanken von Precht sind sicher zutreffend, kritisieren aber zum guten Teil die Situation von vor-vorgestern. Er scheint nur bedingt realisiert zu haben, was sich in den letzten, sagen wir 15 Jahren in den Lehrplänen der Sek1 und Sek2 getan hat. Längst wird eine an den “Kompetenzkompetenzen” orientierte Sau durch die Schuldörfer getrieben. Loris Castorf und die Randnotiz beschreiben das sehr zutreffend.
    Nichts desto trotz ist Schule eine “semper reformanda”. Und da sind die Impulse von Precht wichtig und richtig. Schule erreicht die “Generation Smartphone” nur noch sehr bedingt.
    Das Interesse außerhalb von “Smartphone und Party” reduziert sich nahezu von Tag zu Tag. Der selbst gemachte Kommunikationsstress ist immens. Da hilft der handlungsorientierte Projektunterricht ab dem Kindergarten auch nur sehr bedingt. Zu wünschen wäre den jungen Leuten ein Langzeit-Aufenthalt im ultimativen Handy-Funkloch. Dann wird auch diskutiert und der Horizont erweitert, und das ist zur Reifung der Persönlichkeit das Allerwichtigste. Und dazu benötigen sie Zeit. Viel Zeit. Zentrale Aufgabe von Schule heute: “Emotionale Labilisierung”: Konfrontation mit nicht x-mal vorgekauten Situationen: Auslandsaufenthalte etc. “Schüler raus aus den Schulen!” / “Außerschulische Partner aus dem “richtigen Leben” rein in die Schule!!!”
    Breite kulturelle Bildung ist eine wichtige Grundlage der Individuation und Reifung der Persönlichkeit, auch wenn Hitler ein Kunstmaler war und Heydrich komponiert hat…
    Das Leben fordert durch völlig Neues, unerwartete Aufgabenstellungen heraus. Immer schon. Wichtig ist, daran nicht zu verzweifeln!
    Zum gelingenden Leben gehören als Rüstzeug, Kenntnis UND Kompetenz. Das engagiert zu vermitteln ist und bleibt Aufgabe guter und schlechter Schulen, guter und schlechter Lehrer.
    Die “non vitae sed scholae” vs. “non scholae sed vitae” Diskussion ist freilich auch schon mehr als 2000 Jahre alt. Führen wir sie weiter und verbessern wir Schule.

    • schöner kommentar zum wunderheiler precht
      immer revolutionär, aber unter Laborbedingungen
      Stellt sich doch die Frage, ob Schule, wie sie heute ist, als Erziehungs- und Elternersatzanstalt, noch das vermitteln kann, was wichtig ist.
      Will man in der Schule dr heutigen Zeit nicht die eierlegende Wollmilchsau sehen, die sie gar nicht leisten kann.
      Nimmt man und Schule selbst sich nicht zu wichtig?
      Aufs Leben vorbereiten, das für die meisten der Schüler hoffentlich noch 50-60 Jahre nach der Schulzeit sein werden, kann die Schule nur noch sehr bedingt.
      Was Schule tun kann, ist aus meiner Sicht den Menschen Werte und Einstellungen zu vermitteln. Das muss sie sogar dringend, da mangels Familie oder Gemeinschaft in unserer Gesellschaft dieser Raum nicht mehr oder nur sehr spärlich besteht.
      Das geht aber nur über Personen, nicht über Internet, Facebook oder großartige pädagogische Arrangements. Vorbilder sind gefragt, Väter, Mütter, Großeltern, Trainer, Lehrer,…
      Auch wenn immer wieder solche Aussagen kommen, wie toll er schon präsentieren kann, wie problemlösend sie vorgeht, ……….
      ob aus diesen Menschen glückliche und zufriedene Menschen werden, wird damit nicht entschieden

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