Jugendliche mit Migrationshintergrund: Familie bei der Berufsorientierung stärker einbinden

Über 500.000 junge Menschen beginnen in Deutschland jedes Jahr nach der Schule eine duale Ausbildung. Einerseits haben Betriebe zunehmend Schwierigkeiten, ihre Lehrstellen zu besetzen. Andererseits gibt es viele junge Menschen, denen der Einstieg in eine Ausbildung nicht unmittelbar gelingt. Dies trifft überproportional häufig auf Jugendliche mit einer Zuwanderungsgeschichte zu. Anhand ausführlicher Interviews hat ein Forscherteam des Deutschen Jugendinstituts (DJI) untersucht, wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ihre Berufsbiografie gestalten, wer sie unterstützt und wie sie das Hilfesystem einschätzen.

“Entscheidend für die Auswahl potenzieller Unterstützer sind drei Aspekte: Vertrauen, Verfügbarkeit und Kompetenz”, fasst Tabea Schlimbach vom DJI- Forschungsschwerpunkt “Übergänge im Jugendalter” zusammen. Folglich seien die Eltern für alle befragten Jugendlichen die ersten Ansprechpartner bei Übergangsfragen – allerdings mit unterschiedlichen Akzentsetzungen:

Deutsche Jugendliche sehen in ihren Eltern eher berufliche Vorbilder und können die elterlichen Erfahrungen und Netzwerke bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz besser verwerten. In Familien mit Zuwanderungsgeschichte ist dies seltener der Fall. Hier weist die Berufsbiografie der Eltern häufig Brüche auf. Dennoch werden sie von den migrantischen Jugendlichen als wertvolle Ressource wahrgenommen und bei der Bewältigung von Übergangsaufgaben intensiv eingebunden. Die Unterstützungs- und Investitionsbereitschaft dieser Eltern ist vor dem Hintergrund einer starken Aufstiegsorientierung immens, allerdings mangelt es an Systemwissen. Dies kann teilweise durch übergangserfahrene Geschwister ausgeglichen werden.

Der von den migrantischen Jugendlichen im Sample immer wieder betonte familiäre Zusammenhalt führt dazu, dass sie sich aufgrund einer ausgeprägten Kultur des Respekts und der Dankbarkeit zwischen den Generationen den elterlichen Vorstellungen stärker verpflichtet fühlen als ihre deutschen Peers. Viele junge Migrantinnen und Migranten schwanken bei einschränkender elterlicher Normsetzung zwischen Akzeptanz und Widerspruch.

Neben den Eltern sind Institutionen zentrale Ansprechpartner für Jugendliche. Dabei zeigt sich, dass sie ihnen gegenüber ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen an den Tag legen: Die Jugendlichen der ersten Gruppe fühlen sich selbstbewusst als “Designer ihres Wegs”, die sich je nach Anlass und Bedarf die notwendige Unterstützung einholen. Die zweite Gruppe sieht sich eher in der “Empfänger- und Umsetzerrolle”. Diese jungen Menschen verstehen die Institutionen als wirk- und wissensmächtige Wegweiser, die Wege aufzeigen und Hindernisse bei der Einmündung überwinden helfen. Daneben gibt es Jugendliche, die gar keine Unterstützung in Anspruch nehmen. Hierzu zählen solche, die aufgrund von negativen Erfahrungen mit Diskriminierung Institutionen als “Türschließer” ablehnen, aber auch diejenigen, die sich fit genug fühlen, ihren Weg allein bzw. mit den vorhandenen (familialen) Ressourcen zu finden.

Migrantische Jugendliche greifen bei der Gestaltung ihres weiteren Bildungsweges vergleichsweise stärker auf Unterstützung von institutioneller Seite zurück. “Dies sind nach den eingangs erwähnten Kriterien vorrangig die Lehrkräfte und die Akteure der Berufsberatung, die in die Schulen kommen”, erklärt Tabea Schlimbach. Gleichzeitig üben die Jugendlichen häufig Kritik sowohl an der unübersichtlichen Vielfalt als auch am Ertrag der Beratungsangebote.

Zudem zeigte die Längsschnittstudie, dass fremdbestimmte Berufswege von den Jugendlichen oftmals zu einem späteren Zeitpunkt wieder korrigiert werden, weil sie sich in der Praxis nicht bewähren. Das vorrangige Ziel von Unterstützungsangeboten sollte daher aus Sicht von Tabea Schlimbach die Stärkung der biografischen Selbstkompetenz sein. Schulen komme die Schlüsselrolle bei der Bündelung institutioneller Angebote zu.

Entscheidend sei es weiterhin, die Eltern besser über verschiedene mögliche Berufswege zu informieren. Eltern müssten als gewichtige Partner im Unterstützungsnetz anerkannt und ergänzende Hilfen gezielt angeboten werden. So wären kontinuierliche Ansprechpartner wie Mentoren oder Ausbildungspaten – zur Unterstützung der Berufsorientierung und auch bei Ausbildungsabbrüchen oder Krisen – wünschenswert. Die Idee der “Begleiteten Ausbildung”, wie sie die Bundesregierung für den Beginn des kommenden Ausbildungsjahres plant, sei da ein Schritt in die richtige Richtung, konstatiert Tabea Schlimbach.

Für alle Jugendlichen gilt: Ausprobieren muss angesichts der Vielgestaltigkeit beruflicher Optionen und Zugangsbestimmungen erlaubt sein. Brüchige Wege dürfen nicht von Vornherein als individuelles Scheitern verstanden werden.

bildungsdoc® beantwortet die häufigsten Fragen zu:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.