Chaos auf dem Lehrstellenmarkt – Wenn Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen

Orientierungsberater Andreas Peez

Dennis L. aus der Nähe von Berlin ist verwirrt: In den Medien hört er seit langem, dass es nicht genügend Bewerber für offene Lehrstellen gebe, dass Unternehmen händeringend nach Azubis suchten. Doch er selbst, der im Herbst mit der Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann beginnen wollte, findet seit Monaten keine passende Lehrstelle und fragt sich allmählich, ob er etwas falsch mache.

Im bayerischen Würzburg hingegen steht Klaus-Peter L. hingegen vor einer ganz anderen Herausforderung: Für seine Metzgerei sucht er dringend noch nach Azubis, sowohl für die Produktion als auch für den Verkauf im Laden. Dass die Bewerbungen in den letzten Jahren immer rarer wurden, daran hatte sich L. schon gewöhnt. Doch die Situation in diesem Jahr hat ihm einen regelrechten Schock versetzt: Bislang ist noch keine einzige Bewerbung eingegangen!

Orientierungsberater Andreas Peez aus München kennt derartige Fälle aus seiner täglichen Beratungspraxis und erklärt: „Es gibt ohnehin immer weniger junge Leute, die sich für eine Berufsausbildung entscheiden. Und diese stürzen sich mehrheitlich auf einige wenige Ausbildungsberufe, die ihnen aus unterschiedlichen Gründen besonders attraktiv erscheinen. Dort herrscht dann tatsächlich ein Mangel an Lehrstellen.“ Jedoch, so Peez, sehe die Situation z. B. im Handwerk, wie etwa in der Lebensmittelproduktion, ganz anders aus.

Der aktuelle Berufsbildungsbericht der Bundesregierung untermauert diese Eindrücke mit Zahlen und Fakten: Es gibt ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Jeder zehnte ausbildungswillige Betrieb erhält inzwischen überhaupt keine Bewerbungen mehr. Es sind z. B. Bäckereien, Metzgereien, Restaurants und Baufirmen, die von dieser Flaute betroffen sind. Denn eine anstrengende Tätigkeit auf einer Baustelle oder ein Job im Dienstleistungsbereich hat für die Mehrzahl der Schüler jeglichen Reiz verloren. Wenn sie schon eine Ausbildung machen, dann im Hinblick auf eine gesellschaftlich sinnvolle, spaßorientierte oder kreative Tätigkeit.

Und so gibt es in einigen Ausbildungsberufen einen Überhang an Bewerbern, wie z. B. bei Tierpflegern, in Medienberufen, im Sport- und Tourismussektor. Es sind genau diese und ähnliche Trendausbildungen, die bei Orientierungsberater Peez in seiner Praxis besonders häufig nachgefragt werden. Er stellt fest: „Wie überall gibt es auch im Bereich der Berufsausbildung Trends. Die jungen Leute orientieren sich an ihren Mitschülern, und so kommt es, dass ganze Schulklassen die gleiche Ausbildung antreten möchten.“ Peez ergänzt, dass diese Trends oft kaum hinterfragt würden, z. B. ob der vermeintliche Traumjob auch wirklich zur einzelnen Person passt und ob die Arbeitsbedingungen dort tatsächlich so viel besser sind als in vermeintlich „uncoolen“ Berufen.

Andreas Peez empfiehlt daher einen kritischen Umgang mit den Berufstrends. Welcher Beruf zur einzelnen Person passt, ist eine höchst individuelle Entscheidung, die sich am besten in einer persönlichen Berufsberatung klären lässt. Dass gewisse Berufe „out“ sind, hat gute Gründe, die man auch ansprechen muss – hier sind die Arbeitgeber gefragt, die Bedingungen attraktiver zu gestalten. Doch Licht und Schatten finden sich überall, und daher sollte die Berufswahl sich nach den Talenten und Wünschen der Einzelperson richten und den Blick schon über die Ausbildung hinaus richten: Welche langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in den jeweiligen Berufsfeldern? Vermeintlich „uncoole“ Berufe können für den Einzelnen so rasch an Attraktivität und Reiz gewinnen.

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