Praxissemester auf See – mehr als nur ein Abenteuer

Hochschule Emden/Leer – Studiengang Nautik 

Praxissemester

LPG/C „GasChem HAMBURG“

Einleitung

Nach meinem ersten Praxissemester auf einem Containerschiff und einer kurzen Fahrenszeit von drei Wochen auf einem Druckgastanker stand für mich das zweite Praxissemester, ebenfalls auf einem Gastanker, an.

Aufgrund der dreiwöchigen Fahrt auf dem Druckgastanker „SAARGAS“ in den Semesterferien konnte ich bereits erste Erfahrungen in der Gastankerfahrt sammeln. Bereits da stand für mich fest, dass es diese Art von Schiffstyp ist, auf dem ich später als nautischer Offizier arbeiten möchte.

Der besondere Reiz und die Herausforderung hinsichtlich des sehr umfangreichen und speziellen Wissens über die Eigenschaften von Gasen und der stets unterschiedliche Umgang mit verschiedenen Flüssiggasen gleichermaßen, haben mich zu diesem Entschluss bewegt.

Mit dem zweiten Praxissemester möchte ich mich mit meiner zukünftigen Tätigkeit als Nautischer Wachoffizier bestmöglich vertraut machen und weitestgehend einarbeiten, um dieser verantwortungsvollen Herausforderung gewachsen zu sein, und die seemännischen Grundlagen weiter zu festigen. Desweiteren ist es für mich wichtig, tiefere Einblicke und mehr Erfahrungen hinsichtlich der Gaseigenschaften, der Gasanlage und des Ladungsumschlages sowie Ladungsfürsorge mit Flüssiggasen zu gewinnen.

Beschreibung des Schiffes

Bei dem LPG/C GasChem Hamburg handelt es sich um einen fully refrigerated low pressure Flüssiggastanker mit einer Besatzungskapazität von 30 Mann. Das Schiff ist 173,70 m lang, 28,00 m breit und besitzt einen Tiefgang von 10,40 m. Desweiteren verfügt es über eine Flüssigladungskapazität von 35.535,1 m3 aufgeteilt auf drei Cargotanks. Die Bruttotonnage beträgt 22.977 BRZ.

Das Schiff wurde von der HYUNDAI MIPO DOCKYARD in Ulsan (Korea) gebaut und im Jahr 2010 abgeliefert. Die Hauptmaschine vom Typ Hyundai B&W 6S50MC-C7 ist ein Zweitaktmotor mit sechs Zylindern und einer Leistung von 9.480 kW. Sie ermöglicht eine Maximalgeschwindigkeit von 16,7 Knoten bei 127 Umdrehungen.

Beschreibung der Reise

Der LPG/C GasChem Hamburg ist an die japanische Mitsui O.S.K. Lines zeitverchartert und ist im Spotmarkt tätig. Die Ladung während der gesamten Zeit ist Ammoniak gewesen. Alle Ladehäfen befanden sich im Persischen Golf, wie z.B. Mesaieed (Qatar), Mina Al Ahmadi (Kuwait), Shuaiba (Saudi Arabien), Sitrah (Bahrain) und B.I.K. (Iran). Zielhäfen zum Löschen der Ladung waren hauptsächlich indische Häfen an der Ostküste, u.a. Paradip, Kakinada, Visak, Tuticorin und New Mangalore. Demzufolge erfolgte die Reise kontinuierlich durch den Indischen Ozean, der mit zur Piraten High Risk Area gehört.

Um die Sicherheit für Schiff und Besatzung zu gewährleisten, kam bei jeder Durchfahrt ein bewaffnetes, vierköpfiges Security Team an Bord, welches uns die gesamte Passage über begleitete. Ein- und Ausstiegspunkte für die Übernahme waren jeweils Galle (Sri Lanka) und Muscat (Oman). Desweiteren wurde das Schiff vollständig mit Stacheldraht im Hauptdeck- und Deckshausbereich versehen und alle Schotten mit zusätzlichen Riegeln und Vorrichtungen verbarrikadiert. Die Decksarbeiten wurden auf das Notwendigste beschränkt und es erfolgte 24 Stunden lang ein Ausguck mit zwei Mann in den Bridge Wings.

Während meiner Zeit an Bord fand auch eine einmalige Reise nach Ulsan (Südkorea) statt, wo die komplette Ladung gelöscht wurde. Auf der Hinreise wurden wir von einem schweren Taifun erfasst, der einen Schwerwetterschaden im Vorschiff zur Folge hatte. Der Wellenbrecher für den Lüftungspilz auf der Back hielt den Wassermassen nicht stand. Der nun ungeschützte Pilzkopf für die Bosun Store Lüftung wurde von den überkommenden Wassermassen abgerissen. Daraufhin konnte das Wasser ungehindert in den Bosun Store eindringen und sorgten für ein ordentliches Chaos im Vorschiff. Das Trockenlegen des Vorschiffs und die Aufräumarbeiten dauerten gute drei Tage an.

Persönliche Reflexionen

Erwartungen

Meine Schwerpunkte für das zweite Praxissemester sind folgende: Sich mit den Aufgaben des Nautischen Wachoffiziers hinsichtlich der Brückenwache, der Reiseplanung und der Korrektur von nautischen Publikationen vertraut zu machen sowie die Überprüfung, die Wartung und den Umgang mit der Feuer- und Sicherheitsausrüstung kennen zu lernen. Desweiteren sollen die seemännischen Grundlagen und die Abläufe auf der Manöverstation vertieft und gefestigt werden.

Darüber hinaus ist es für mich wichtig, tiefere Einblicke und mehr Erfahrungen hinsichtlich der Gaseigenschaften, des Ladungsumschlages und der Ladungsfürsorge mit Flüssiggasen zu gewinnen sowie die Handhabung der Gasanlage zu erlernen.

Eindrücke

Nach der allgemeinen Familiarization und einer einwöchigen Eingewöhnungsphase an Deck wurde ich dem Zweiten Offizier für die nächsten zwei Monate zugeteilt. Hier wurde ich gleich mit den Wachaufgaben auf der Brücke vertraut gemacht und konnte weitestgehend, unter Aufsicht, selbständig arbeiten. Auch was den zusätzlichen Verantwortungsbereich (Fire und Safety Equipment) des Zweiten Offiziers anging, wurde ich gründlich eingearbeitet und eingebunden, so dass ich mir auch hier einen guten Überblick verschaffen konnte.

Die darauffolgenden zwei Monate verbrachte ich mit dem Gasmann an Deck. Am Anfang stand das Kennenlernen des Rohrleitungssystems, der Gasanlage und sonstiger technischer Anlagen, wie die Deepwell Pumpe, der Evaporator oder die Booster Pumpe an. Zu den weiteren Aufgaben gehörten Wartungsarbeiten, Instandsetzungen und das Durchführen regelmäßiger Tests sowie die Handhabung der Gasanlage und das Kühlen der Cargotanks.

Auch hier wurde ich vollwertig in das Arbeitsgeschehen eingebunden und gewann einen realistischen Eindruck in dieses wichtige Gebiet der Ladungsfürsorge. Darüber hinaus wurden mir regelmäßig Aufgaben gegeben und Fragen gestellt, die ich eigenständig auszuarbeiten hatte. Dies stellte gerade am Anfang immer eine Herausforderung dar und ließ mich länger und tiefer mit der Materie auseinandersetzen.

Die letzten Wochen des Praxissemesters nutzte ich, um mich mit meinem zukünftigen Aufgabenfeld des Dritten Offiziers gründlich vertraut zu machen. Auch hier bot sich mir die Gelegenheit, mit Unterstützung des Dritten Offiziers, mich bestmöglich in meinen zukünftigen Tätigkeitsbereich einzuarbeiten und bestimmte Arbeitsabläufe zu lernen und zu verinnerlichen.

Wie auch im ersten Praxissemester wurden von der Reederei zusätzliche Berichte über bestimmte Themen, die mit dem Arbeiten an Bord zu tun haben, gefordert und monatliche Tests für die Auszubildenden durchgeführt. Die monatlichen Tests beinhalteten Grundthemen der Nautik, wodurch bereits erlerntes Wissen wiederholt, gefestigt und erweitert wurde. Mit Hilfe der Monatsberichte erfolgte eine tiefgründige Auseinandersetzung gezielt ausgewählter Themen, die für die zukünftige Tätigkeit als Nautischer Offizier von Bedeutung sind.

Ebenfalls positiv zu erwähnen ist, dass aufgrund der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der gesamten Besatzung mir eine schnelle Integration in die Bordgemeinschaft problemlos gelang. Den gesamten Zeitraum über herrschte ein positives soziales Klima innerhalb der Besatzung, welches für ein angenehme Arbeitsatmosphäre sorgte.

Das einzige was die Ausbildung an Bord etwas hemmte, war das Fahrtgebiet. Die regelmäßigen Passagen des Indischen Ozeans und somit auch der Piraten High Risk Area, führten zu erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Diese sind unabdingbar und auch notwendig für die Sicherheit für Schiff und Besatzung, schränkten aber die Ausbildung für die Dauer der Passage stark ein.

Resümee

Meine Erwartungen an das zweite Praxissemester haben sich erfüllt und wurden in bestimmten Gebieten sogar übertroffen. Ich fand gute Voraussetzungen vor, meine Kenntnisse im Bereich der Nautik und der Seemannschaft zu festigen und weiter auszubauen sowie neue Erfahrungen hinsichtlich der Gaseigenschaften, der Gasanlage und des Ladungsumschlages mit Flüssiggasen zu gewinnen.

Einen erheblichen Anteil daran, haben die einzelnen Personen an Bord mit ihrer unermüdlichen Ausbildungsbereitschaft, die stets Wert auf einen guten Ausbildungsstand gelegt und ihr Wissen uneingeschränkt weiter vermittelt haben.

Besonders was den Bereich der Gasanlage und Ladungsfürsorge angeht, wurde meine persönliche Zielsetzung bei Weitem übertroffen. Zum Ende hin war ich in der Lage die Gasanlage, stets unter Aufsicht, eigenständig zu bedienen. Deswegen kann ich es nur empfehlen und erachte es auch als notwendig, diesen Bereich fest in die Ausbildungszeit an Bord zu integrieren. Gehört schließlich auch die Ladungswache und –fürsorge mit in den Tätigkeitsbereich des Nautischen Wachoffiziers.

Für meine zukünftige Tätigkeit als Nautischer Wachoffizier fühle ich mich sehr gut vorbereitet. Dies ist auch ein Verdienst der Besatzung, die mich stets in meinem Vorhaben unterstützt hat und für Fragen immer ansprechbar war.

Desweiteren möchte ich mich bei der Hartmann Reederei für den mir zur Verfügung gestellten Praxissemesterplatz und das damit in mich gesetzte Vertrauen bedanken. Die Betreuung durch die Hartmann Reederei während des Praxissemesters war sehr gut und der organisatorische Ablauf war stets professionell und verlief immer zufriedenstellend.

Ronny Gottschalk, Student an der Hochschule Emden/Leer

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