Bedrohter Berufsstand? “Das Berufsschullehramt ist eins der herausforderndsten Lehrämter”

Institut für Allgemeine Pädagogik

Prof. Dr. Birgit Ziegler

Immer wieder wird geklagt, dass den beruflichen Schulen in Deutschland Lehrkräfte fehlen. Dabei gibt es an den Hochschulen genügend Studienplätze für das Berufsschullehramt.

Warum entscheiden sich so wenige zukünftige Lehrer für diese Schulform und wie lässt sich das ändern? Antworten dazu in unserem Interview mit Prof. Dr. Birgit Ziegler vom Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der Technischen Universität Darmstadt.

Gern spricht die Politik von der dualen Berufsausbildung als einem der erfolgreichen Elemente des deutschen Bildungssystems. Färbt dieser Erfolg auch auf das Ansehen derjenigen ab, die daran einen großen Anteil haben, nämlich die Berufsschullehrer?

Birgit Ziegler: Befragungen zeigen, dass die Anerkennung und die Wertschätzung für diesen Beruf nicht besonders hoch sind. Viele denken, Berufsschullehrer könne man mit einer Meisterausbildung werden. Sie wissen oftmals nicht, dass ein anspruchsvolles Studium auf dem Niveau einer Gymnasiallehrerausbildung dahintersteckt. Aus meiner Perspektive ist das Berufsschullehramt eins der herausforderndsten Lehrämter, die wir haben.

Ein einfacher Vergleich: Das Spektrum in einer Gymnasialklasse ist wesentlich homogener, bezogen auf das Alter der Schüler und auf ihren Hintergrund. In der Berufsschule hingegen sitzen häufig Abiturienten neben Hauptschülern und wesentlich älteren Umschülern in einer Klasse. Auch muss ein Berufsschullehrer an ganz unterschiedlichen Schularten unterrichten können. An der Berufsschule ebenso wie am beruflichen Gymnasium oder an der Berufsfachschule, die mit dem Realschulabschluss endet. Er muss in der Lage sein, Schüler im Übergangssystem zu fördern oder Meister und Techniker weiterzubilden.

Dazu kommt, dass die Curricula an den beruflichen Schulen viel häufiger überarbeitet werden als an den allgemeinbildenden Schulen. Ein Lehrer, der im gewerblich-technischen Feld unterrichtet, kann es sich nicht leisten, über Jahre hinweg mit dem gleichen Unterrichtskonzept in die Schule zu gehen.

Warum entscheiden sich so wenige junge Erwachsene für ein Studium mit Abschluss Lehramt an beruflichen Schulen?

Birgit Ziegler: Die Wenigsten lernen dieses Lehramt in der eigenen Schulzeit kennen. Eine Chance ist, dass mittlerweile an vielen beruflichen Schulen auch die Hochschulreife erworben werden kann. Das ist ein guter Rekrutierungspool, weil diese Schüler die Berufsschule von innen kennengelernt haben.

Offensichtlich reicht dies aber nicht aus. Wie könnten diese Studiengänge attraktiver werden?

Birgit Ziegler: Es muss am Image gearbeitet werden. Aussagen wie “Wir können die arbeitslosen Ingenieure in die Berufsschulen stecken” tragen nicht dazu bei, dass sich junge Menschen für diesen Lehrerberuf entscheiden…

Das Dilemma ist nur: Die Schulverwaltung muss den dringenden Bedarf an Berufsschullehrern decken und greift dann zu diesen Maßnahmen. Für die Bekanntheit eines Berufs spielen auch die Medien eine große Rolle. Sie haben einen starken Einfluss auf die Berufswünsche Jugendlicher. Mittlerweile gehört der Beruf der Polizistin zu den zehn beliebtesten Berufen bei den Mädchen. Vermutlich liegt das an den Fernseh-Kommissarinnen. Mit einer guten Soap oder einer Fernseh-Serie, die an einer Berufsschule spielt, könnte man Schüler auch mit diesem Beruf bekannt machen.

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