ERROR: Deutschlands Studiennachwuchs hat keine Lust mehr auf Technik

Orientierungsberater Andreas Peez

Jonas W. studiert Maschinenbau im 4. Semester an der Technischen Universität Berlin. Das Studium macht ihm Spaß, er hat gute Noten, und er weiß: Voraussichtlich wird er auf dem Arbeitsmarkt sehr gute Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten haben. Was ihn allerdings wundert: Außerhalb seines Studiengangs kennt er kaum andere Leute in seinem Alter, die Ingenieur werden möchten, und er kommt sich manchmal fast wie ein Exot vor. Denn ganz Berlin scheint BWL, Sozialwissenschaften oder Design zu studieren…

Orientierungsberater Andreas Peez aus München kann Jonas’ Eindruck aus seiner täglichen Beratungspraxis bestätigen: „Über die Jahre hinweg hat sich etwa ein Drittel meiner Klienten dezidiert für einen MINT-Studiengang interessiert – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Doch meiner Beobachtung nach sinkt dieser Anteil seit einiger Zeit merklich, und das Interesse und die Nachfrage verlagert sich stärker in wirtschaftliche, soziale oder kreativ ausgerichtete Studienfächer.“

Aktuelle Zahlen einer Untersuchung, welche die OECD in Auftrag gegeben hat, bestätigen den wahrgenommenen Trend: Knapp 22 Prozent der kürzlichen Studienabsolventen in Deutschland sind Ingenieure, ein Anteil, der im internationalen Vergleich immer noch hoch ist und in der Studie nur von Österreich übertroffen wird. Aber zum vollständigen Bild gehört eben auch, dass dieser Prozentsatz noch vor wenigen Jahren merklich höher war und bei 26 Prozent lag. Dass der Anteil der Ingenieure an der Gesamtzahl der Studienabsolventen zurückgeht, ist übrigens ein Trend, der sind nicht nur bei uns, sondern in fast allen der untersuchten Länder beobachten lässt.

Woran liegt es aber, dass die MINT-Fächer weniger gefragt als früher sind, obwohl doch gemeinhin bekannt ist, dass Bedarf und Perspektiven in diesen Berufsfeldern sehr gut sind? Orientierungsberater Andreas Peez stellt fest: „Es sind eben auch genau die Studiengänge, in denen die Abbrecherquoten in den ersten Semestern besonders hoch sind. Viele angehende Studierende kennen in ihrem Umfeld Leute, die Informatik, Mathematik oder Maschinenbau aufgegeben haben, weil es ihnen zu schwer war, weil sie reihenweise durch die Prüfungen und sogar durch die Wiederholungsversuche gefallen sind, weil die Hochschulen in ihrer Wahrnehmung extrem „gesiebt“ haben“. Der Wechsel von der Schule ins Studium, so Andreas Peez, sei ohnehin bei vielen stark von Unsicherheit und Ängsten begleitet, sodass diese „Horrorgeschichten“ zusätzlich abschreckend wirkten und die Studienanfänger in andere Studienfächer trieben.

Stabile bis wachsende Studierendenzahlen verzeichnen nämlich Studienprogramme in Bereichen wie Gesundheit, Soziales und Geisteswissenschaften, also Studiengänge, die als „weicher“ und „leichter“ gesehen werden und in denen man weniger mit dem Angstfach Nummer 1, Mathematik, konfrontiert wird.

Für die deutsche Industrie ist das nachlassende Studieninteresse an den MINT-Fächern freilich ein Problem. Fachkräfte fehlen genau dort, wo man sie dringend braucht, in den Zukunftsbranchen und den traditionellen Pfeilern der deutschen Wirtschaft. Die Hochschulen haben das Problem derweil erkannt und arbeiten an Modellen, den Studieninteressierten die Technik wieder schmackhafter zu machen. So gibt es beispielsweise an der TU München ein vorbereitendes Orientierungssemester namens studium MINT. Es soll zur individuellen Klärung beitragen, ob ein einschlägiges Studium zu schaffen ist, und erleichtert zudem den Einstieg in den Bachelor.

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