Wie man eine Umfrage durchführt

Früher oder später steht jeder Schüler oder Student vor der Herausforderung, eine Umfrage durchzuführen und auszuwerten. Darüber wie man eine Umfrage durchführt, sind ganze Bücher geschrieben worden. Im Folgenden gibt es das Wichtigste für Eilige. Wenn Du eine Umfrage durchführen willst oder sollst, empfehlen sich die folgenden Schritte genau in dieser Reihenfolge:

1. Forschungsfrage(n) formulieren

Jede wissenschaftliche Arbeit zielt darauf ab, Forschungsfragen zu beantworten. Diese müssen klar sein. Es führt nirgendwo hin, wenn Du wild irgendwelche Daten sammelst in der Hoffnung, dass sich hinterher spannende Erkenntnisse daraus ergeben. Besonders Umfragen zielen darauf ab, klare Fragen möglichst vielen Menschen zu stellen, um einen repräsentativen Überblick zu bekommen. Für vage und offene Fragestellungen verwendet man andere Forschungsmethoden wie z.B. Fallstudien.

Nehmen wir an, Deine Forschungsarbeit beschäftige sich mit der Smartphone-Nutzung. Deine drei Forschungsfragen sind vielleicht: „Welcher Anteil der Bevölkerung benutzt ein Smartphone? Wie oft benutzen die Smartphone-Besitzer ihr Smartphone pro Tag? Benutzen ältere Menschen ihr Smartphone seltener?“

2. Literaturrecherche durchführen

Bevor man selbst forscht, sollte man lesen, was andere zu diesem Thema schon herausgefunden haben. Bei Deiner Literaturrecherche in wissenschaftlichen Studien verfolgst Du die Fragen:

  • Hat die Forschungsfrage schon jemand behandelt? Wenn ja: Warum macht es Sinn, sie trotzdem erneut zu untersuchen? Zum Beispiel besser, mit mehr Befragten, mit anderen Befragten, in einem anderen Jahr.
  • Hat jemand eine ähnliche Forschungsfrage untersucht? Mit welchen Studien will ich meine Ergebnisse später vergleichen?
  • In welcher Größenordnung liegen vermutlich die Antworten auf meine Forschungsfrage? Gibt es ähnliche Studien, die mir ein Gefühl dafür vermitteln, wie oft jemand ein Smartphone verwenden könnte? Wären mehr als 100 Mal unrealistisch?
  • Wie werden die in den Forschungsfragen auftretenden Daten normalerweise erfragt? Gibt es bewährte Standardfragen oder Kategorien, die immer verwendet werden?

3. Fragebogen formulieren

Die Fragen ergeben sich aus der Forschungsfrage. Allerdings kannst Du die Forschungsfragen nicht einfach so an die Befragten stellen. Manche Informationen kennt der Befragte selbst nicht (z.B. ob er sein Smartphone häufiger als andere benutzt) und manches will er aus Datenschutzgründen nicht verraten.

Im Beispiel wäre die erste Frage: „Besitzen Sie ein Smartphone?“ Das ist eine einfache Ankreuzfrage, wo der Befragte zwischen „ja“ und „nein“ wählen kann. Antwortet er mit „nein“, braucht er die restlichen Fragen nicht mehr zu beantworten.

Als zweites ist das Alter interessant. Hier kannst Du entweder das genaue Geburtsdatum erfragen mit Tag, Monat und Jahr, das Alter in Jahren oder Alterskohorten bilden, so dass der Befragte wählen kann zwischen „5-14,“, 15-24“, „25-34“ und so weiter. Die Frage nach dem Geburtsdatum ist eventuell zu persönlich, denn der Befragte ist dann nicht besonders anonym und die Information, an welchem Tag und in welchem Monat er geboren ist, ist für die Forschungsfrage nicht relevant. Je anonymer die Frage formuliert ist, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie beantwortet wird.

Als Drittes willst Du wissen, wie oft die Befragten ihr Smartphone pro Tag benutzen. Eine genaue Anzahl können sie wohl nicht angeben. Sind es 80 Mal? 81 Mal? 82 Mal? Darum solltest du hier besser Kategorien vorgeben. Kategorien wie „selten“, „normal“ und „häufig“ machen jedoch wenig Sinn, weil jeder sie anders interpretiert. Darum fragst Du besser nach „0-5 Mal“, „6 bis 10 Mal“ und so weiter. Bis wohin die Skala gehen muss, hast Du idealerweise bereits bei Deiner Literaturrecherche herausgefunden. Falls nicht, solltest Du nicht zu eng fassen. Wenn Du z.B. die Kategorie „100-150 Mal“ einfügst und keiner kreuzt sie an, ist kein Schaden passiert. Gibt es aber tatsächlich solche Vielbenutzer, können sie dir das nicht mitteilen, wenn diese Kategorie fehlt.

4. Fragebogen erstellen

Fragebögen auf Papier sind ganz klar aus der Mode gekommen. Es ist viel zu aufwändig, sie zu verteilen, einzusammeln und auszuwerten. Man findet sie nur noch in Hotels und auf Veranstaltungen für die Zufriedenheitsbefragung, wo man den Zettel einfach im Zimmer liegen lässt oder beim Ausgang in einen Briefkasten wirft. Du wirst höchstwahrscheinlich Deine Umfrage online durchführen wollen. Das hat den Vorteil, dass Du weltweit sehr viele Menschen erreichen kannst und du keine Fragebögen von Hand einzutippen brauchst, sondern Du die Daten als Tabelle herunterlädst und weiterverarbeitest.

Die beiden häufigsten Online-Werkzeuge für die Fragebogenerstellung sind die beiden Portale Surveymonkey und Soscisurvey. Für Studentenarbeiten, Forschung und Lehre ist die Benutzung kostenlos. Einfach einen Account anlegen und los geht’s. Beide Portale unterstützen Dich mit Tutorials beim Anlegen des Fragebogens.

Du hast dort vielfältige Fragentypen zur Auswahl und jede Menge Layouting-Möglichkeiten. Aber hier gilt das KISS-Prinzip: Keep it smart and simple. Damit die Befragten den Fragebogen gut verstehen, sollte er übersichtlich sein und die Fragen nicht zu ungewöhnlich. Du solltest auch nicht zu viele Fragen auf eine Seite packen, damit niemand scrollen muss.

Bei der Fragebogenerstellung musst Du auch entscheiden, ob es Muss-Fragen geben soll, also solche, die der Befragte unbedingt beantworten muss. Einerseits willst Du natürlich möglichst vollständige Daten, andererseits ist die Teilnahme an der Umfrage freiwillig. Wenn jemand eine Information nicht geben will, sollte man ihn nicht dazu zwingen. Sonst steigt er ganz aus der Befragung aus. Muss-Fragen sind also sparsam einzusetzen.

5. Fragebogen testen

Egal wie sorgfältig Du vorgehst, irgendetwas übersieht man immer. Darum solltest Du unbedingt jemanden darum bitten, den Fragebogen zu testen. Entweder ist ein Experte für Fragebögen oder für das Thema oder sogar für beides. Er wird dann entdecken, ob Fragen missverständlich sind oder schwierig zu beantworten. Notfalls kann es auch irgendein Freund sein, der sich den Fragebogen mal ansieht.

6. Zielgruppe definieren

Der Fragebogen steht online und hat eine Internet-Adresse zugewiesen bekommen. Nun können die Leute kommen. Doch wen willst Du befragen? Wen man einlädt, beeinflusst das Ergebnis und dessen Gültigkeit.

Wenn Du nur Smartphone-Besitzer zur Umfrage einlädst (z.B. über ein Smartphone-Forum), wirst Du nie erfahren, welcher Anteil der Bevölkerung eines besitzt. Alle Befragten haben ja eines. Wenn Du nur Manager zur Umfrage einlädst, wirst du nicht herausfinden, wie Rentnerinnen ihr Gerät verwenden. Es kann natürlich Sinn machen, nicht die ganze Bevölkerung erreichen zu wollen, nur musst Du diese Entscheidung bewusst treffen und die Forschungsfrage auch entsprechend formulieren. Beispielsweise: „Wie oft benutzen Manager ihr Smartphone pro Tag?“

7. Zielgruppe kontaktieren

Nun musst Du an die Zielgruppe herankommen und sie dazu motivieren, an Deiner Umfrage teilzunehmen. Heutzutage findet man Umfrageteilnehmer sehr gut über soziale Netzwerke, Onlineforen und Mailinglisten. Sie sollten zum Thema und zur Zielgruppe passen, weil die Leute nur dann mitmachen, wenn sie das Thema interessiert.
Ganz wichtig ist ein Einladungstext, in dem Du kurz und präzise Dein Anliegen formulierst und dann gut sichtbar den Link zur Umfrage unterbringst. Wichtig sind hier folgende Informationen:

  • Wer führt die Umfrage durch? Dein Name und Studienfach sind interessant, aber auch die Hochschule, zu der Du gehörst. (Das klingt seriöser.)
  • Wozu führst Du die Umfrage durch? (Beispielsweise: „im Rahmen meiner Bachelorarbeit“).
  • Was passiert mit den Daten? Werden sie veröffentlicht? Wo? Wie? Sind die Daten anonym? (Umfragen führt man üblicherweise anonym durch.)
  • Wie lange dauert das Ausfüllen des Fragebogens? (5 Minuten? 20 Minuten? Eine Stunde? Je länger, umso weniger Leute nehmen teil. 20 Minuten sind noch OK, darüber wird es schwierig.)
  • Warum sollte jemand an der Umfrage teilnehmen? (Beispielsweise: „Sie würden mir damit sehr helfen.“ Oder „Ich schicke Ihnen bei Interesse hinterher den Abschlussbericht zu“ oder „Unter allen Teilnehmern werden drei Büchergutscheine im Wert von 50€ verlost.“)
  • Bis wann läuft die Umfrage? (Liest jemand die Ankündigung erst zwei Wochen später, denkt er, die Umfrage sei sowieso schon vorbei und wird nicht mehr antworten.)
  • Wo finde ich die Umfrage? Unter welcher Adresse?
  • An wen kann ich mich wenden, wenn ich Fragen dazu habe?

Vielleicht fällt dir ein Widerspruch auf: Die Umfrage soll anonym erfolgen, und dann wiederum will man Teilnehmern den Bericht oder einen Büchergutschein zuschicken. Die Umfrage-Portale bieten dafür eine Lösung: Gibt der Befragte am Ende seine E-Mail-Adresse ein, dann wird diese in einer separaten Tabelle gespeichert und kann dem Fragebogen nicht zugeordnet werden. Das Verlosen von Preisen oder eine Bezahlung von Umfrageteilnehmern ist nicht unbedingt nötig. Sehr viele Menschen helfen gerne kostenlos einem Studenten bei seiner Umfrage. Die Zusendung des Abschlussberichts wird aber gerne gesehen, gerade weil an der Umfrage vor allem Leute teilnehmen, die das Thema interessiert.

8. Ergebnisse herunterladen und auswerten

Die Umfrage hat einen Endtermin, zu dem der Fragebogen offline geht. Danach gehen keine Daten mehr ein. Spätestens nach diesem Endtermin, aber vielleicht auch zwischendurch wirst Du die Ergebnisse der Umfrage herunterladen und auswerten wollen. Dies ist bei einem Fragebogen-Tool mit einem Klick möglich. Du erhältst beispielsweise eine CSV-Datei, die Du dann wahlweise in Excel oder mit einem Statistik-Werkzeug weiter verarbeiten und auswerten kannst: Mittelwerte berechnen, Korrelationen finden und so weiter.

9. Ergebnisse interpretieren

Die Zahlen liegen vor. Doch was bedeuten sie? Bei der Interpretation der Ergebnisse sollte man nicht zu kühn sein und keine windigen Schlussfolgerungen ziehen. Wer sich bei der Interpretation der Daten Hilfe hinzuziehen möchte, der kann sich auch externe Hilfe durch Statistik Beratung einholen.

Wer auch immer Deine wissenschaftliche Arbeit lesen wird, wird ganz sicher kritisch sein und jeden Denkfehler aufdecken. Sicherheitshalber bist Du selbst vorsichtig mit Deinen Interpretationen. Wenn Du nur Manager befragt hast oder nur Leute zwischen 20 und 40, kannst du keine Aussagen über die gesamte Bevölkerung machen, sondern höchstens vorsichtige Spekulationen wagen.

Und selbst wenn Du alle Alterskohorten abgedeckt hast, dann hast Du doch nur an bestimmten Orten nach den Teilnehmern gesucht und so beispielsweise nicht diejenigen befragt, die gar keinen Internetzugang haben. Es wäre schön, alle Forschungsfragen endgültig zu beantworten, aber oft braucht es mehrere Studien dafür.

One thought on “Wie man eine Umfrage durchführt

  1. Hi, ein schöner Artikel. Gibt schon einen guten Überblick zur Durchführung einer Umfrage.

    Ich habe eine Umfrage aus dem Bereich Sozialwissenschaften durchgeführt und mir Hilfe & Betreuung eingeholt. War gut organisiert und zu Studentenpreisen. Hatte doch einige Probleme mit der praktischen Durchführung einer Datenanalyse mit Hilfe von SPSS, der Visualisierung und Interpretation.

    Grüße aus Berlin,

    Marina

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