Profikarriere oder Ausbildung – Fußballer am Scheideweg

Hätten Eltern ein Mitspracherecht was die Berufswahl ihrer Sprösslinge angeht, sie würden wohl eine solide Ausbildung in einem angesehenen Beruf wählen. Ganz sicher zählt der Wunsch, Fußballer zu werden, hier nicht dazu. Und doch ist es der Traum vieler Jugendlicher, ihr Geld einmal in der Bundesliga zu verdienen. Wer diese Absicht verfolgt, konzentriert sich dabei voll und ganz auf den Sport – Schule oder gar Ausbildung sind weit entfernt und werden nicht selten abgebrochen oder erst gar nicht angetreten. Doch nur ein verschwindend geringer Bruchteil schafft den Weg auf den grünen Rasen und kann damit Geld verdienen. Und selbst wenn: Was ist nach der Karriere?

Die Zukunft ist weit entfernt

„Ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Karriere.“ Nicht selten ist dieser Satz von jungen, angehenden Fußballprofis zu hören. Den ersten Vertrag bei einem renommierten Erst- oder Zweitligaverein in der Tasche, ist das Ziel, Geld mit seiner Leidenschaft zu verdienen, greifbar nahe. Schule oder gar Ausbildung rücken hierbei in weite Ferne. Wer als Talent hochgepriesen wird, bricht nicht selten sogar den laufenden Schulbetrieb ab – an Ausbildung gar nicht zu denken. Schließlich will man 100 Prozent für den Fußball geben. Und wenn dann sogar Fußballtrainer wie einst Felix Magath sagen, dass Abitur bei einem Fußballprofi nicht wichtig sei (über Julian Draxler, damals FC Schalke 04), dann ist das natürlich ein gefundenes Fressen.

Dass es auch anders geht, hat unter anderem Ilkay Gündogan bewiesen, der 2011 parallel zu seiner Fußballkarriere beim 1. FC Nürnberg sein Abitur machte und nun einen guten Schulabschluss in der Tasche hat. Ob er ihn jemals brauchen wird, steht heute noch auf einem anderen Blatt. Aber auch eine Berufsausbildung, parallel zum Fußball, ist nicht nur möglich, sondern wird von vielen angeraten. Dafür machen sich sogar die Vereine stark und bieten ihren Nachwuchsspielern Ausbildungsmöglichkeiten an. Diese hat zum Beispiel Kevin Holzweiler von Borussia Mönchengladbach angenommen und im Fanshop eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert.

Fußballkarriere ade – wenn Invalidität droht

Ob es mit der Fußballkarriere und dem großen Geld auch klappt, das hängt nicht immer nur von einem selbst ab. Es gibt genügend Beispiele von jungen, ambitionierten Talenten, die aufgrund von Verletzungen ihre Karriere vorzeitig beenden mussten. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

  • Sebastian Deisler (letzter Verein: Bayern München), kaputtes Knie, 27 Jahre
  • Holger Hieronymus (HSV), permanente Knieprobleme, 35 Jahre
  • Michael Skibbe (Schalke 04), mehrere Kreuzbandrisse, 22 Jahre
  • Uli Hoeneß (Bayern München), chronische Kniebeschwerden, 27 Jahre
  • Christian Wück (Arminia Bielefeld), Meniskusschaden, 27 Jahre
  • Flemming Povlsen (Braband IF), mehrere Kreuzbandrisse, 29 Jahre
  • Marco van Basten (AC Mailand), Knie- und Knöchelprobleme, 30 Jahre
  • Matthias Sammer (Borussia Dortmund), permanente Knieprobleme, 32 Jahre

Zwar blieben einige von ihnen dem Fußball treu und haben es zum Trainer oder in andere Vereinspositionen geschafft – die Regel ist das allerdings nicht. Doch selbst hier können abgeschlossene Berufsausbildungen die nächsten Schritte erleichtern.

Das Leben nach dem Fußball

Wer seinen Traum verwirklichen konnte und als Fußballprofi sein Geld verdient, der wird mit Gehältern konfrontiert, über die ein gewöhnlicher Berufstätiger nur ungläubig mit dem Kopf schütteln kann. So gibt es beispielsweise bei Bayern München kaum einen Profi, der mit unter einer Million Jahresgehalt nach Hause geht. Wo die Millionen winken, macht man sich über den Rest kaum Gedanken. Teure Autos, schicke Wohnungen, ein feudaler Lebensstil haben aber schon vielen das Genick gebrochen. Denn an Rücklagen und ein Leben nach dem Fußball denkt kaum einer. Nicht umsonst schlägt die Spielergewerkschaft VdV Alarm und sagt, dass jeder vierte bis fünfte Fußballprofi nach seiner Karriere pleite oder verschuldet ist. Wer dann noch nicht mal einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung vorweisen kann, muss nicht selten von Hartz IV und Sozialhilfe leben.

Und selbst wenn man nach der Transferperiode keinen Verein gefunden hat, muss man sehen, wie es weitergeht. Der Gang zum Arbeitsamt ist da ein schwerer Schritt. Aktuell sind unzählige Profifußballer vereinslos – und das nicht erst seit dieser Saison. Hier einige Beispiele (Stand: Februar 2016):

  • Timo Hildebrand (1899 Hoffenheim, Sporting Lissabon, Schalke 04) seit Juli 2014
  • Jan Schlaudraff (Borussia Mönchengladbach, Bayern München, Hannover 96) seit Juli 2015
  • Christian Pander (Schalke 04, Hannover 96) seit Juli 2015
  • Manuel Friedrich (Werder Bremen, Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund) seit Januar 2015
  • Andreas Ottl (Bayern München, Hertha BSC, FC Augsburg) seit Juli 2014
  • Patrick Ochs (Eintracht Frankfurt, VfL Wolfsburg) seit Juli 2015

Fußballprofis und ihre Bildungsabschlüsse

Dabei ist der Bildungsstand von Fußballern sogar relativ hoch, wie die folgende Tabelle verdeutlicht. Die Werte ergeben sich aus der Befragung von 213 Fußballprofis.

Abitur oder Hochschulreife: 55 Prozent
Mittlere Reife: 30 Prozent
Hauptschulabschluss: 2 Prozent
Keinen Schulabschluss oder noch in der Schule: 13 Prozent
(Tabellenquelle: sportwettenanbieter.info)

Wie der Tabelle von www.sportwettenanbieter.info zu entnehmen ist, haben Fußballprofis durchaus ein hohes Bildungsniveau. Ganz anders sieht es aus, wenn man sich die Möglichkeiten von Spielern nach der Profikarriere ansieht:

Ohne berufliche Qualifikation: 75 Prozent
Dauerhaft arbeitslos: 25 Prozent
Finanziell ausgesorgt: 10 Prozent
(Tabellenquelle: sportwettenanbieter.info)

Um das Konto aufzubessern oder gar Schulden zu tilgen, wird nicht selten an fragwürdigen TV-Shows, wie dem RTL Dschungelcamp teilgenommen, so wie etwa Jimmy Hartwig, Eike Immel oder Ailton.

Jeder hat es selbst in der Hand

Im Schnitt sind Fußballprofis rund zwölf Jahre aktiv. Wer mit 18 bereits Fußballprofi bei einem renommierten Verein ist, der kann damit rechnen, dass es ab 30 abwärts geht. Doch dann liegen noch 37 Arbeitsjahre vor einem. Ohne entsprechende Rücklagen oder eine fundierte Ausbildung kaum zu meistern. Natürlich kann man auch mit 30 noch eine Ausbildung antreten, es wird aber ungleich schwerer. Auch der Altersunterschied zu seinen Kollegen ist nicht zu unterschätzen.

Zwar könnten sich rund 90 Prozent nach der Karriere mit einer hauptberuflichen Tätigkeit im Profifußball anfreunden (zum Beispiel als Trainer oder Sportdirektor), ob sie das jedoch schaffen, steht auf einem anderen Blatt. Tun muss man etwas dafür – und das ist auch nach der Profikarriere noch möglich. So bieten zahlreiche Institute Weiterbildungen oder Fernstudien an. Ein Schritt, der Ex-Profis wie etwa Stefan Kunz, Fredi Bobic, Michael Preetz und auch Max Eberl den Weg nach der Fußballkarriere geebnet haben.

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