Studienabbrecher – Fachkräfte im zweiten Anlauf

Tausende Studienabbrecher werden zur wertvollen Ressource – als Auszubildende.

Berufliche Ausbildung

In Zeiten von knappem Nachwuchs und Fachkräftemangel rückt eine bislang völlig vernachlässigte Ressource in den Fokus: die Studienabbrecher. Früher galten sie als Versager. Nun zeigen zahlreiche Einzelprojekte, dass viele von ihnen schnell gute Fachkräfte werden können – in einer verkürzten dualen Ausbildung. Bislang fehlt allerdings bei Politik, Kammer-Organisationen und Arbeitsagentur ein umfassender Plan, wie dieses Reservoir an künftigen Fachleuten bundesweit und systematisch erschlossen werden kann.

Das Potenzial ist enorm: Im Schnitt brechen 28% der Studenten ab. In den Ingenieurwissenschaften sind es nach den Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS) sogar 40-50%, in Maschinenbau und Elektrotechnik geben gar 53% aller Uni-Studenten auf, die meisten nach zwei Semestern.

Eigentlich sollten die neuen Bachelor-Studiengänge die Abbrecherquoten senken, doch davon ist bislang nichts zu sehen. Grob gerechnet müssten also Jahr für Jahr rund 100.000 junge Menschen die Hochschulen verlassen, die für eine duale Ausbildung geeignet sind. Andererseits blieben 2012 rund 33.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gebraucht würden vermutlich noch viel mehr Lehrlinge, denn viele Betriebe haben sich frustriert aus der Ausbildung zurückgezogen, weil sie bestenfalls problematische Bewerber finden.

Entdeckt hat das Thema auch die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU): “Jemand, der in Elektrotechnik an Mathe scheitert, kann sehr gut eine Berufsausbildung machen”, warb die Mathematikerin in ihrer ersten Pressekonferenz für mehr Durchlässigkeit von der Hochschule in die Lehre. Ein vom Bundeswirtschaftsminister gefördertes Modellprojekt in Hessen hat bereits gezeigt, wie es gehen kann: In Darmstadt, Gießen, Kassel und Wiesbaden taten sich sechs Hochschulen mit den Handels- und Handwerkskammern sowie den Arbeitsagenturen zusammen, um Studienabbrechern früh Alternativen aufzuzeigen.

Der Abschlussbericht listet die Defizite auf, die man bundesweit beheben müsste: Frustrierte Studenten haben meist keine Ahnung, welche Perspektiven eine duale Ausbildung bietet. In den Unis gibt es kaum gezielte Angebote. Die Kammern und die Arbeitsagenturen arbeiten kaum mit den Hochschulen zusammen. Und die Betriebe sind bislang kaum auf die Ressource Studienabbrecher aufmerksam geworden.

Das hessische Projekt ist im Herbst 2012 ausgelaufen – Zukunft ungewiss. Das Bundeswirtschaftsministerium jedenfalls kann nicht mit einer Idee zur flächendeckenden Nutzung des neu entdeckten Potenzials dienen. Auch die hessische Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit hat noch nicht entschieden, ob sie sich weiter engagiert.

Vor Ort ist man schon weiter: So fischt die Aachener Handelskammer bereits seit 2011 nach Studienabbrechern. In 18 Monaten bildet das Modellprojekt “Switch” Studienabbrecher aus den mathematischen und naturwissenschaftlich-technischen Fächern (MINT) zu Fachinformatikern für Anwendungsentwicklung Systemintegration oder zu Industriekaufleuten aus. “Uns fehlt es nicht an Betrieben, die solche Fachkräfte sofort ausbilden und danach auch einstellen würden”, sagt Heinz Gehlen von der IHK Aachen. Bereits 32 Betriebe hätten sich bereit erklärt, MINT-Studienabbrecher zu übernehmen.

Die Berliner IHK hat vergangenes Jahr mit “Your turn – Ausbildung im Schnelldurchlauf” nachgezogen. Elf Studienabbrecher mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft absolvieren nun eine Lehre als “Immobilienkaufleute”, 13 abgebrochene Informatikstudenten lernen “Fachinformatiker Systemintegration”. Auch sie können die Lehre in anderthalb statt drei Jahren beenden. “Die Resonanz aus den Unternehmen ist hervorragend: die Betriebe sind mit den Neu-Azubis sehr zufrieden”, sagt DIHK-Ausbildungsexperte Markus Kiss.

Auch das Handwerk ist nicht untätig: An der Handwerkskammer Unterfranken läuft ein Pilotprojekt mit den Hochschulen in Würzburg: Neun Studienabbrecher lernen dort Schreiner oder Hörgeräteakustiker.

Gute Beispiele gibt es also. Flächendeckende Angebote sind jedoch Zukunftsmusik. Das Bundeswirtschaftsministerium will die Erfahrungen aus Hessen nun “auch anderen Ländern zur Verfügung stellen”, heißt es dort generös.

Konkrete Pläne, wie man die “Umlenkung” von Studienabbrechern in die duale Ausbildung befördern kann, gibt es auch im Bundesbildungsministerium bislang nicht.

Quelle: Gillmann, Barbara, Handelsblatt-Korrespondentin

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