Studieren ohne Abitur: Wunsch oder Wirklichkeit?

Orientierungsberater Andreas Peez

Carola B. (32) aus Erfurt ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seit weit über zehn Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf, und sie mag ihn immer noch. Doch seit drei Semestern ist sie auch Studentin – und das kann sie selbst immer noch nicht richtig fassen. „Wenn ich mit Patienten spreche und erzähle, dass ich nicht nur arbeite, sondern auch studiere, hört sich das für mich immer noch komisch an. Denn seit vielen Jahren wollte ich studieren. Aber ich dachte immer, ich kann gar nicht studieren, das geht gar nicht, ich würde das sowieso nie schaffen.“

Dass immer mehr Menschen über den Zweiten Bildungsweg zu einem Hochschulabschluss kommen, ist ein Trend, der sich über die Jahre hinweg verstärkt hat und allmählich zum Normalfall geworden ist. Doch in aller Regel haben diese Personen Abitur, das sie oft über die Fachoberschule oder Berufsoberschule erworben haben. Carola B. jedoch hat gar kein Abitur – und damit ist sie als Studierende nach wie vor in einer Minderheit, die allerdings kräftig wächst.

Orientierungsberater Andreas Peez aus München kennt aus seiner Beratungspraxis Menschen, die es ohne Abitur an die Hochschule geschafft haben, aber auch er sagt: „Die Hürden sind relativ hoch. Im Moment sind es leider eher noch Einzelfälle, die sich erfolgreich bis zur Hochschule durchbeißen.“

Die gesetzliche Regelung besagt, dass Personen mit einer abgeschlossenen Ausbildung und einer hochqualifizierenden Aufstiegsweiterbildung (Meister, Techniker, Fachwirt) an einer Hochschule studieren können. Allerdings gibt es hier Hürden, über die schon so mancher gestrauchelt ist: Denn wenn die Fortbildung in einem anderen Bundesland absolviert worden ist, muss sie zunächst anerkannt werden. Und außerdem ist ein vorheriges Beratungsgespräch an der Hochschule verpflichtend, dessen Ergebnis durchaus auch sein könnte, dass die Eignung des Bewerbers in Frage gestellt wird und ihm z. B. ein Studium mit „Probezeit“ angeboten wird, nach deren Ende neu entschieden wird.

Carola B. hat übrigens auch keine entsprechende Fortbildung absolviert. Aber wer eine einschlägige Berufsausbildung bzw. eine mindestens dreijährige einschlägige Berufserfahrung nachweisen kann, kann sich trotzdem an einer Hochschule bewerben. Carola musste das Beratungsgespräch absolvieren und außerdem eine anspruchsvolle Eignungsprüfung ablegen. Anschließend wurde sie auf Probe in den Studiengang Soziale Arbeit aufgenommen, da ihre Ausbildung und Berufserfahrung als fachlich verwandt anerkannt wurde. Diese Probezeit hat sie mittlerweile bestanden und sagt: „Die Belastungen sind schon hoch, aber ich bin total motiviert. Ich sehe das Ziel vor Augen.“

Orientierungsberater Andreas Peez bestätigt: „Wer es ohne Abi trotz der ganzen Hürden bis an die Hochschule schafft, ist normalerweise besonders motiviert und belastungsfähig und wird seinen Weg bis ganz ans Ziel gehen. Das sind oft Leute mit viel Berufserfahrung, die zu einem früheren Zeitpunkt aus welchen Gründen auch immer kein Studium realisieren konnten und sich jetzt trotz finanzieller und zeitlicher Belastungen diesen Traum erfüllen, auch weil sie mehr können und weiterkommen wollen.“

Studieren ohne Abitur ist also kein bloßer Wunsch mehr, sondern kann Wirklichkeit werden: Aktuell sind in Deutschland 60.000 Studierende immatrikuliert, die keine klassische Hochschulzugangsberechtigung besitzen.

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