Verpasste Bildungschancen

Ein Studium verspricht beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt und mehr Lebensglück. Trotzdem ergreifen viele junge Menschen diese Gelegenheit nicht, obwohl sie es könnten. Gerade Kinder aus bildungsfernen Familien wagen trotz Abitur den Sprung an die Hochschule oftmals nicht. Schade! Wir haben aktuelle Studienergebnisse und einen Überblick zu den Ursachen für Sie zusammengestellt.

Nicht jeder, der Talent und Köpfchen für ein Studium besitzt, schreibt sich nach dem Abitur an der Hochschule ein. Besonders Kinder aus Familien, in denen beide Elternteile nicht studiert haben, nutzen das gymnasiale Sprungbrett in die Hochschulwelt häufig nicht. Die Selektion beginnt aber schon früher: Kinder mit bildungsfernem Familienhintergrund erlangen oftmals „nur“ die Fachhochschulreife, was das Spektrum der möglichen Studienfächer stark einschränkt, da der Zugang zu den breiter aufgestellten Universitäten verwehrt bleibt. Herausgefunden hat das eine Studie der Vodafone Stiftung im Jahr 2012.

Akademikerkinder studieren häufiger – Jura und Medizin werden vererbt

Auch der OECD ist das Problem schon lange bekannt. Der Bildungsbericht konnte belegen, dass 77 Kinder von studierten Eltern ein Studium aufnehmen. Haben beide Eltern den Hauptschulabschluss, sind es nur 13 Kinder, die sich an das Projekt Studium herantrauen. Während die erste Gruppe das hohe Ausmaß an Selbstreproduktion und Statusvererbung spiegelt, belegt die zweite Gruppe den starken Verbesserungsbedarf bei den Bildungschancen: Auch wenn Jugendliche eine Studienberechtigung erreicht haben, variiert die Studierwahrscheinlichkeit mit dem Bildungshintergrund im Elternhaus – selbst bei gleicher Schulleistung.

Beim direkten Vergleich zwischen Männern und Frauen kommt ein weiteres Ergebnis zu Tage: Bei Frauen wirken Herkunftsunterschiede noch einmal deutlich mehr, wenn man den kompletten Weg von der Schule bis in eine Führungsposition betrachtet. Aber auch hinsichtlich der Studienfächer fällt etwas auf: Bestimmte Fächer werden besonders häufig „vererbt“ und führen die Nachkommen in gute Positionen. Dazu gehören zum Beispiel Jura und Medizin. In wessen Familie diese Fächer nicht verwurzelt sind, studiert sie eher selten.

Berufsausbildung gilt als Nummer sicher

Welche Gründe vermuten die Forscher? Bildungsferne Familien neigen eher zu konservativen Entscheidungen, wenn es um die Studien- und Berufswahl der Kinder geht. Ein Kind in die Berufsausbildung zu schicken gilt als Nummer sicher, während die Uni als unüberschaubares Unterfangen erscheint. Kann das Kind das Studium finanzieren? Und wie sieht der Job aus, in dem es einmal landen wird? Für Eltern ohne akademischen Hintergrund sind das oftmals große Fragezeichen und eine Berufsausbildung, zu der sie selbst Bezug haben, scheint dann der sichere Weg zu sein. Bei Eltern mit Studium ist das genau anders herum: Sie sind den akademischen Weg mit all seinen Vorzügen gegangen und wünschen sich das Gleiche auch für ihre Nachkommen. Kurz gesprochen: Die Abstiegsangst der besser Situierten ist größer als der Aufstiegsmut der Benachteiligten, was die Bildungschancen in einer schlechten Balance da stehen lässt.

Entscheidung fällt oft erst in der Oberstufe

Ein weiterer Grund sind auch die gestiegenen Anforderungen in den Ausbildungsberufen. Häufig wird das Abitur vorausgesetzt, deshalb machen viele Kinder Abitur, die sowieso nicht vorhatten zu studieren. Jugendliche entscheiden sich außerdem immer später für den weiteren Ausbildungsweg. Früher war klar: Wer aufs Gymnasium geht tut dies mit der Absicht, später zu studieren. Heute lassen sich Jugendliche diese Entscheidung offen und klären erst in der Oberstufe, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Und oft fällt die Entscheidung dann für einen klassischen Ausbildungsberuf. Effekte der sozialen Herkunft haben sich also etwas nach hinten verlagert.

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