Wie Ausbildungsbetriebe attraktiver werden

Weniger Schüler, weniger Schulabgänger und immer mehr Jugendliche, die sich gegen eine duale Ausbildung und für ein Studium entscheiden: Die Suche nach geeigneten Auszubildenden wird für die Unternehmen mehr und mehr zu einer echten Herausforderung. Wie ist die zu meistern und wie können Jugendliche von einer dualen Ausbildung überzeugt werden? Unter anderem mit einer hohen Ausbildungsqualität, meint die Handwerkskammer Hannover und hat das Projekt “primAQ” gestartet.

Was sich hinter dem Projekt “primAQ” verbirgt, erklärt der Geschäftsführer des Geschäftsbereich Bildung und Recht, Dr. Carl-Michael Vogt, im Interview.

Carl-Michael Vogt: Das Projekt zielt auf aktuelle Problemlagen ab: Zum einen hat das mehrjährige Aussetzen der Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) zu Defiziten in der Ausbildungsbefähigung in vielen Betrieben geführt, die nunmehr ausgeglichen werden. Zum andern verändert sich tendenziell die Struktur der Handwerksbetriebe: Die klassischen Mittelbetriebe (10 – 50 Mitarbeiter) werden weniger, die kleinbetriebliche Struktur nimmt zu. Letztere beteiligen sich aber eher seltener an Ausbildung, sodass wir durch unsere Unterstützungsangebote die Ausbildungsprozesse auch in solchen Betrieben fördern wollen, um den Lernort Betrieb flächendeckend zu erhalten. Im Übrigen kommen Betriebe zu uns, weil sie einfach ihre Ausbildungsprozesse verbessern möchten, um dadurch die Abbruchquote zu senken, die Prüfungsergebnisse zu verbessern oder um einfach attraktiver und dadurch wettbewerbsfähiger auf dem Ausbildungsmarkt zu sein.

Wie sieht Ihre Unterstützung konkret aus und wie profitieren Betriebe und Auszubildende von dem Projekt?

Carl-Michael Vogt: Wir haben einen “Diagnosebogen” entwickelt, mit dem wir auf Anfrage von Betrieben deren aktuelle Ausbildungsqualität messen. Dabei sehen wir uns bestimmte Phasen an: 1. Die Akquise und Rekrutierung, 2. die Eingliederungshase und Probezeit, 3. die mehrjährige Qualifizierungsphase und 4. die Prüfungsvorbereitung und den Ausbildungsabschluss. Diese Phasen untersuchen wir anhand verschiedener Qualitätsbereiche, z.B. Ausbildungsplanung, Verhalten der Ausbilder, angewandte Methoden, Lernortkooperation und so weiter. Nach diesem “Messvorgang” erhält der Betrieb von uns eine individuelle Auswertung, an welchen Stellen der Ausbildung er gut aufgestellt ist, oder wo er noch nacharbeiten kann. Im Zuge dessen geben wir ihm Tipps an die Hand, mit welchen Instrumenten aus unserem Koffer er die festgestellten Defizite beheben kann. So kann der Betrieb zum einen auswählen, an welchen Defiziten er arbeiten möchte, zum anderen erhält er umgehend und konkrete Hilfe.

Nach einer gewissen Zeit und wenn der Betrieb meint, “fit” zu sein, kann er sich zur Zertifizierung anmelden. Dann kommen wir erneut zu ihm und führen ein Audit unter Einbeziehung externer Experten in seinem Betrieb durch, dessen Anspruch sich im Wesentlichen an dem bekannten Diagnosebogen ausrichtet. Gesprächspartner in diesem Audit ist nicht nur der Chef; auch die Gesellen und Auszubildenden werden getrennt befragt. Schließt der Betrieb das Audit erfolgreich ab, so kann er mit dem Siegel “primAQ” nach außen hin für “prima Ausbildungsqualität” werben. Auch dabei unterstützen wir ihn, z.B. durch einen prominenten Button in unserer Lehrstellenbörse.

Die Auszubildenden profitieren nicht zuletzt dadurch, dass einer der geprüften Qualitätsbereiche auch das Verhalten des Betriebs bezüglich “jugendspezifischer Belange” umfasst. Dadurch sensibilisieren wir dafür, die Interessen Jugendlicher systematisch in Ausbildungsprozessen zu berücksichtigen. Nicht zuletzt steht bei “primAQ” insgesamt die Steigerung der Qualität der Ausbildungsprozesse im Vordergrund. Jugendliche werden auf diese Weise früher und selbstständiger mit eigenen Aufgaben betraut und in den Arbeitsprozess eingegliedert. Dies fördert selbstständiges Arbeiten und Lernen und letztlich die Aussichten auf Prüfungserfolg.

Gibt es auf Bundesebene vergleichbare Angebote bzw. vielleicht sogar Nachahmer?

Carl-Michael Vogt: Uns sind Initiativen bekannt, in denen auch und in Teilen auf ähnlich anspruchsvolle Weise Qualität gemessen wird. Das Besondere an unserer Arbeit – und der scheint derzeit eher einzigartig – ist jedoch der ganzheitliche Ansatz, wonach wir nicht nur wiegen, sondern auch mästen, das heißt, wir stellen nicht nur fest, welchen Grad an Ausbildungsqualität jemand erreicht hat, sondern wir stellen im Mängelfall auch konkrete, an den Defiziten orientierte Hilfen zur Verfügung. Insofern bieten wir umfassendes Qualitätsmanagement an: messen, planen, optimieren, erneut messen, …

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